Munise Abraham – ZWISCHEN WISSENSCHAFT UND GLAUBEN

Warum existiert das Universum? Diese Frage beschäftigt die Menschheit seit Jahrhunderten. Früher blickten Menschen mit bloßem Auge in den Himmel und sahen lediglich Sterne. Heute beobachten Wissenschaftler Milliarden von Galaxien, analysieren schwarze Löcher und versuchen zu verstehen, wie Raum und Zeit entstanden sind. Doch je weiter sich die Wissenschaft entwickelt, desto deutlicher wird: Mit jeder beantworteten Frage tun sich neue Geheimnisse auf.

Eine der bedeutendsten Entdeckungen der modernen Physik war die Erkenntnis, dass das Universum einen Anfang hatte. Lange Zeit glaubten viele Wissenschaftler, das Universum sei statisch und ewig. Erst die Beobachtungen von Edwin Hubble im Jahr 1929 zeigten, dass sich Galaxien voneinander entfernen. Daraus entwickelte sich die Theorie des Urknalls. Nach heutigem wissenschaftlichem Stand entstand das Universum vor etwa 13,8 Milliarden Jahren aus einem extrem dichten und heißen Zustand.

Koran und Bibel im Einklang

Interessant ist jedoch, dass die Vorstellung eines Anfangs nicht ausschließlich in der modernen Kosmologie vorkommt. Bereits im Koran wird in der Sure El-Enbiya‘ beschrieben, dass Himmel und Erde einst eine Einheit waren und anschließend getrennt wurden (21:30). Manche Menschen sehen darin eine bemerkenswerte Parallele zur modernen Vorstellung eines Universums, das aus einem einzigen Ursprung hervorgegangen ist. Auch in der Bibel beginnt das Buch Genesis 1,1 mit den Worten: „Am Anfang schuf Gott Himmel und Erde.“ Damit wird ebenfalls betont, dass das Universum keinen unendlichen, sondern einen zeitlichen Ursprung besitzt.

Natürlich sollten religiöse Texte nicht wie moderne Physikbücher gelesen werden. Dennoch finden viele Menschen die Ähnlichkeiten zwischen alten religiösen Beschreibungen und heutigen wissenschaftlichen Erkenntnissen faszinierend. Besonders interessant wird dies beim Thema der Expansion des Universums. Bis ins 20. Jahrhundert hinein galt die Vorstellung eines unbeweglichen Universums als wissenschaftlicher Konsens. Heute wissen wir jedoch, dass sich das Universum kontinuierlich ausdehnt. In der Sure Edh-Dhariyat heißt es: „Und den Himmel haben Wir mit Kraft aufgebaut, und Wir weiten ihn aus“ (51:47). Einige interpretieren diesen Vers als mögliche Parallele zur modernen Erkenntnis eines expandierenden Universums. Ähnliche Bilder finden sich auch in der Bibel. In Jesaja 40,22 und Psalm 104,2 wird beschrieben, dass Gott den Himmel „ausspannt“ oder „wie ein Zelt ausbreitet“. Aus heutiger Perspektive wirken diese Formulierungen erstaunlich dynamisch.

Wenn die Physik unweigerlich an Grenzen stößt

Doch vielleicht liegt die eigentliche Faszination nicht darin, dass Religion und Wissenschaft gelegentlich ähnliche Bilder verwenden. Weit spannender ist die Tatsache, dass die Wissenschaft trotz ihres enormen Fortschritts noch immer nicht alle Fragen beantworten kann.

Die Physik kann erklären, wie Sterne entstehen oder wie Galaxien kollidieren. Aber warum existiert überhaupt etwas und nicht einfach nichts? Warum besitzen die Naturgesetze genau die Werte, die Leben ermöglichen? Und warum ist der Mensch in der Lage, über seine eigene Existenz nachzudenken?

An dieser Stelle kann auch Bediuzzamans Abhandlung über die Natur (*Tabiat Risalesi*) eine wichtige Perspektive eröffnen. In dieser Abhandlung setzt er sich mit der Frage auseinander, ob die Natur selbst oder der Zufall die Existenz der Welt erklären können. Seine Argumentation richtet sich besonders gegen die Vorstellung, dass die Natur eine selbstständige schöpferische Kraft sei. Nach dieser Sichtweise beschreibt die Natur nur die Ordnung, in der Ereignisse geschehen; sie besitzt aber kein eigenes Bewusstsein, keinen Willen und keine schöpferische Macht. Ein Naturgesetz kann erklären, wie ein Prozess abläuft, aber es kann nicht erklären, warum dieser Prozess überhaupt existiert oder warum er so präzise funktioniert. Deshalb deutet Said Nursi die Ordnung und Zweckmäßigkeit in der Natur als Hinweise auf einen bewussten Schöpfer.

Wenn man gedanklich bis zum Ursprung des Universums zurückgeht, stößt man auf eine Grenze der wissenschaftlichen Erklärung. Die Kosmologie kann beschreiben, wie sich das Universum nach dem Urknall entwickelt hat, doch die Frage, was den Ursprung von Raum, Zeit, Materie und Energie letztlich verursacht hat, bleibt offen. Wenn Raum und Zeit selbst mit dem Urknall entstanden sind, kann die Ursache des Universums nicht einfach ein gewöhnliches Ereignis innerhalb des Universums sein. Denn jedes Ereignis innerhalb des Universums setzt bereits Raum, Zeit und Naturgesetze voraus.

An dieser Stelle kann man auch auf ein klassisches logisches Prinzip hinweisen: Die Verneinung der Verneinung bedeutet eine Bejahung. Wenn also selbst das Nichtsein verneint wird, bleibt das Sein übrig. Mit anderen Worten: Wenn absolute Nichtexistenz nicht denkbar ist, dann erscheint Existenz als eine notwendige Grundlage.

Die Frage lautet nicht nur wie, sondern warum

Aus philosophischer Sicht kommt deshalb die Frage nach einer ersten Ursache auf, die nicht selbst Teil des Universums ist. In den monotheistischen Religionen, besonders im Islam, Christentum und Judentum, wird diese erste Ursache als Gott verstanden: nicht als eine physikalische Kraft, sondern als der transzendente Ursprung, der Existenz überhaupt ermöglicht.

Besonders das menschliche Bewusstsein bleibt bis heute eines der größten Rätsel der Wissenschaft. Der Mensch besteht aus Atomen, Molekülen und biologischen Prozessen – und dennoch schreibt er Gedichte, erschafft Kunst und stellt Fragen über Unendlichkeit und Sinn. Warum sucht der Mensch nach Bedeutung? Warum bewegt uns the Gedanke an den Tod? Warum verspüren wir Ehrfurcht, wenn wir nachts in den Himmel schauen?

Vielleicht müssen Wissenschaft and Glaube deshalb nicht zwangsläufig Gegensätze sein. Oft werden sie als Feinde dargestellt, obwohl sie sich möglicherweise mit unterschiedlichen Seiten derselben Realität beschäftigen. Wissenschaft versucht zu erklären, wie das Universum funktioniert. Religion und Philosophie stellen hingegen häufig die Frage, warum es überhaupt existiert.

Heute lebt die Menschheit in einer technologischen Ära. Wir entwickeln künstliche Intelligenz, senden Raumsonden zum Mars und beobachten Galaxien in Milliarden Lichtjahren Entfernung. Trotzdem bleiben einige der grundlegendsten Fragen weiterhin offen. Vielleicht ist genau das das Faszinierende am Menschen: der Wunsch, das Unbekannte zu verstehen, und zugleich niemals endendes Staunen über das Universum.