CERN – Wo Das Herz Des Universums Schlägt

Als wir an einer Stelle vorbeigingen, machte uns unser Fortbildungskoordinator mit einem sehr bemerkenswerten Ton auf ein Geräusch aufmerksam. Alle Beteiligten waren durch das gesamte Geschehen ohnehin schon sehr neugierig, doch in dem Moment, als wir diesem Geräusch, das zuvor noch niemand von uns gehört hatte, einige Sekunden lang lauschten, dachte ich: Hier ist der Ort, an dem das Herz der Erde schlägt! Wir befanden uns am Detektor des LHC (Large Hadron Collider) – des größten Teilchenbeschleunigers der Welt, der am CERN in Genf in der Schweiz steht.

CERN: Auf der Suche nach den Geheimnissen des Universums Die Protonen rasen in nur einer Sekunde rund 10.000 Mal um den gesamten Ring! Wenn sie kollidieren, zerfallen sie in winzige Bruchstücke – in unglaublich viele winzige Bruchstücke, denn im LHC werden so viele Protonen aufeinander geschossen, dass pro Sekunde ungefähr eine Milliarde Teilchenkollisionen entstehen. Protonen werden im LHC in sogenannten Bunches (Paketen) gebündelt. Jeder Strahl besteht dabei aus etwa 2800 solcher Pakete, und jedes Paket enthält ungefähr 1011 Protonen. Diese Pakete kreuzen sich rund 40 Millionen Mal pro Sekunde. Bei jeder dieser Kreuzungen kommt es im Durchschnitt zu 20 bis 40 Proton-Proton-Kollisionen, was insgesamt etwa 600 Millionen bis zu einer Milliarde Kollisionen pro Sekunde ergibt. Diese Kollisionen werden von Physikerinnen und Physikern mit hochpräzisen Messmethoden erfasst und aus unterschiedlichsten Perspektiven analysiert. Ziel ist es unter anderem, bislang unbekannte Teilchen nachzuweisen und neue Erkenntnisse über die Entstehung sowie die Entwicklung des Universums zu gewinnen. Das Forschungszentrum CERN (,,Conseil Européen pour la Recherche Nucléaire“ – Europäischer Rat für Kernforschung) wurde im Jahr 1954 gegründet, um nach dem Zweiten Weltkrieg die europäische Spitzenforschung in der Physik zu bündeln und eine internationale Zusammenarbeit zu fördern. Der Hauptzweck ist die Grundlagenforschung in der Teilchenphysik – also die Erforschung der kleinsten Bausteine der Materie und der Kräfte, die sie zusammenhalten. Dafür entwickelt und betreibt das CERN große Teilchenbeschleuniger und Detektoren, darunter den weltweit größten, den Large Hadron Collider (LHC). Der LHC ist 27 Kilometer lang und liegt etwa 100 Meter unter der Erde. In ihm beschleunigen elektromagnetische Felder Teilchen fast bis zur Lichtgeschwindigkeit, bevor sie in der Mitte des Detektors aufeinandertreffen.

Das CERN von innen Am CERN arbeiten rund 2600 festangestellte Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter, darunter Physikerinnen und Physiker, Ingenieurinnen und Ingenieure sowie technische Fachkräfte der HSE Unit. Die Forschungsinfrastruktur erstreckt sich über zwei Hauptstandorte – Meyrin in der Schweiz und Prévessin in Frankreich – sowie mehrere kleinere Einrichtungen rund um den LHC- und SPS-Ring. Darüber hinaus nutzen weltweit über 11.300 Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler aus mehr als 110 Ländern die am CERN erzeugten Kollisionsdaten für ihre Forschung. Diese Forschenden wählen selbst, welche Datensätze sie analysieren möchten etwa Kollisionen bestimmter Elementarteilchen. Anschließend erhalten sie diese Daten zur Verfügung gestellt oder für einen bestimmten Zeitraum Zugang vor Ort zur Bearbeitung ihrer Forschung. Neben dem weltweit größten Detektor, dem Large Hadron Collider (LHC), gibt es auf dem CERN-Gelände vier Hauptdetektoren: ATLAS, CMS, ALICE und LHCb. Diese Detektoren übernehmen bei den Kollisionen jeweils sehr spezifische und wichtige Rollen.

Where The Web Was Born (Entstehung des WWW am CERN) Stellen wir uns kurz vor: Jeder Klick, jede Suche, jeder Einkauf – alles hängt vom WWW ab. Unser Alltag ohne das WWW ist kaum noch vorstellbar! Jeder Besuch im Internet – sei es zum Recherchieren, Einkaufen oder Kommunizieren – beginnt mit dem Zugriff auf das World Wide Web, die zentrale Plattform, die Informationen und Dienste weltweit vernetzt und für jeden sofort zugänglich macht. Im März 1989 erstellte der britische Wissenschaftler Tim Berners-Lee beim CERN in Genf seinen wegweisenden Vorschlag „Information Management: A Proposal“. Dieses Dokument legte den Grundstein für das, was später als World Wide Web (WWW) bekannt wurde. Bereits gegen Ende des Jahres 1990 waren der erste Web-Browser, Web-Editor und Web-Server einsatzbereit und funktionsfähig – betrieben auf einem NeXT-Computer beim CERN. Die damals erste Website war unter der Adresse http://info.cern.ch/hypertext/WWW/TheProject.html erreichbar.

Meine Erfahrungen beim CERN! Das CERN-Gelände wirkt auf den ersten Blick überraschend schlicht – funktionale Gebäude, einfache Ausstattung, aber alles ausreichend. Inmitten dieses unspektakulären Alltags begegnet man dennoch bedeutenden Wissenschaftlern ganz beiläufig: Ein Professor der Teilchenphysik hält mir die Tür auf, ohne dass man es sofort merkt. Doch betritt man die Labore, offenbart sich eine ganz andere Welt: modernste Technologie, hochpräzise Geräte und bahnbrechende Experimente. Der Kontrast zwischen Einfachheit und wissenschaftlicher Exzellenz macht das CERN zu einem besonderen Ort. Besonders beeindruckend ist ein Vortrag zur Dunklen Materie. Der Professor beginnt auf Deutsch, wechselt später ins Englische seine Leidenschaft überwindet jede Sprachbarriere. Als er auf meinen Platz zeigt und erwähnt, dass dort letzte Woche ein Nobelpreisträger saß, denke ich über den Antrieb solcher Forscher nach. Was bringt jemanden dazu, Schlaf zu opfern und sich ganz der Teilchenphysik zu widmen? Es sind wohl die tiefe Liebe zur Wissenschaft und der Drang, das Universum zu verstehen. Am CERN arbeiten Menschen aus aller Welt wie in einem Orchester zusammen – jeder bringt sein spezielles „Instrument“ ein: ein deutscher Physiker, ein pakistanischer Ingenieur, ein kanadischer Techniker. Gemeinsam tragen sie zum großen Ziel bei, das Universum besser zu verstehen.

Mehrere wohlverdiente Nobelpreise! Es wurden bislang fünf Nobelpreise für Physik verliehen, die direkt mit Entdeckungen und Entwicklungen am CERN verbunden sind. Diese Auszeichnungen würdigen sowohl theoretische Konzepte als auch bahnbrechende experimentelle Entdeckungen, die unser Verständnis der fundamentalen Kräfte und Teilchen im Universum erheblich erweitert haben. Diese sind:

  1. Theorie der elektroschwachen Wechselwirkung (1979) → Vereinheitlichung der elektromagnetischen und schwachen Wechselwirkung in einer gemeinsamen Theorie.
  2. Entdeckung der W- und Z-Bosonen (1984) Nachweis der Trägerteilchen der schwachen Wechselwirkung, zentral für das Standardmodell der Teilchenphysik.
  3. Entwicklung innovativer Teilchendetektoren (1992) → Einführung neuer Detektortechnologien, die präzise Beobachtungen von Teilchenreaktionen ermöglichen.
  4. Theoretische Vorhersage des Higgs-Mechanismus (2013) Erklärung, wie Elementarteilchen Masse erhalten; später durch das Higgs-Boson experimentell bestätigt.
  5. Grundlagenexperimente zur Quantenverschränkung (2022) → Experimente, die die Quantenmechanik untermauern und moderne Quantentechnologien ermöglichen. Diese fünf Nobelpreise verdeutlichen die herausragende Rolle des CERN in der modernen Physik. Sie unterstreichen sowohl die Bedeutung theoretischer Konzepte als auch die Notwendigkeit innovativer experimenteller Methoden, um die fundamentalen Bausteine des Universums zu entschlüsseln. Das CERN bleibt ein Zentrum wissenschaftlicher Exzellenz und internationaler Zusammenarbeit, das kontinuierlich neue Erkenntnisse liefert und die Grenzen unseres Wissens erweitert. Es ist zugleich ein Ort, an dem Menschen unabhängig von Herkunft, Weltanschauung oder Zugehörigkeit – zusammenkommen, einzig aus Liebe zur Forschung und zum Fortschritt der Wissenschaft, getragen von Freundschaft, Zusammenarbeit, Engagement und Leidenschaft. Und mein Herz ist dort geblieben – an dem Ort, wo das Herz der Erde schlägt!

Anmerkungen

  1. CERN (0. D.): About CERN, in: cern.ch, abgerufen von https://home.web.cern.ch/node/5011.
  2. Lissi Pörnbacher (3.7.2025): Sie haben das Unmögliche gesehen, in: Science Notes, abgerufen von https://sciencenotes.de/elementarteilchen-forschung-quarks/.
  3. Sarah Charley (3.10.2016): LHC Report: LHC smashes old collision records, in: cern.ch, abgerufen von https://home.cern/news/news/accelerators/lhc-report-Ihc-smashes-old-collision-records.
  4. CERN (o. D.): Our People, in: cern.ch, abgerufen von https://home.cern/about/who-we-are/our-people.
  5. CERN (o. D.): Experiments, in: cern.ch, abgerufen von https://home.cern/science/experiments.
  6. CERN (o. D.): Where the web was born, in: cern.ch, abgerufen von https://home.cern/science/computing/where-web-was-born.
  7. CERN (o. D.): December 1990, in: cern.ch, abgerufen von https://timeline.web.cern.ch/worlds-first-browsereditor-website-and-server-go-live-cern.
  8. CERN (o. D.): Two CERN researchers, one Nobel prize, in: cern.ch, abgerufen von https://timeline.web.cern.ch/two-cern-researchers-one-nobel-prize.